Im Dunkel der Nacht, wenn es so spät ist, dass Finsternis jedes Licht vollständig schluckt, schreckt eine junge Frau aus ihrem Bett. Sie hört Glockenschlag auf Glockenschlag, dröhnend rufen sie zur Andacht in die Obere Pfarre. Jetzt schon, denkt sie, die Schatten überlagern doch noch jedes Licht. Und doch erhebt sie sich, kleidet sich in ein Leibchen und macht sich auf in die Kirche.

Angekommen, traut sie ihren eigenen Sinnen kaum. In Kerzenschein getaucht haben sich Dutzende versammelt, ihre Gewänder sind weiß und so lang, dass ihr Stoff kleine Wällen schlägt. Die junge Frau gesellt sich in das von Flammen erfüllte Schweigen und fängt an, still zu beten. Als sie ihren Blick hebt, sieht sie, dass einem der Besucher die Kapuze von seiner langen Gewandung gleitet. Ein Gesicht wird enthüllt, bleich wie der Tod. Würmer und Maden fressen sich durch abgestorbene Haut und Fleisch, das bereits modert und nach Verwesung stinkt. Die junge Frau erschrickt und doch hat sie eine Idee: sie trägt einen Fuchspelz mit sich, um sich gegen die Kälte der Nacht zu schützen. Den wirft sie über ihren Kopf, um sich zu tarnen. Sie entkommt.

„Für kleine Kinder sind solche Geschichten eher nicht empfehlenswert, dafür ist die Geistermesse in allen Details zu hart. Wir hatten es schon, dass Eltern ihre Kinder trotzdem mitgebracht haben und die dann weinen mussten. Das ist natürlich nicht unser Ziel. Aber eine Geisterführung ohne Grusel? Das funktioniert nicht“, sagt Christiane Conrad. Sie hat die Führung Geister, Sagen und Legenden in Bamberg eingeführt. Das ist etwa 15 Jahre her. Heute zählt sie, neben den Nachtwächter-Führungen zu den gefragtesten Angeboten in Bamberg.

Geisterführung individuell gestaltbar

Zur Geisterführung können sich Gruppen bis zu 25 Teilnehmern anmelden, nur noch zu Halloween finden auch Führungen für Einzelpersonen statt. Für Gruppen bringt das den Vorteil, dass es keine festen Routen gibt. Angefangen werden kann dort, wo es der Gruppe passt. Von einem Vereinsheim aus beispielsweise, einem Hotel oder Restaurant oder einer Wirtschaft.
Von Führer zu Führer ist die Route der Geisterführung unterschiedlich, „jeder hat ein bisschen seine Art. Etwa die Hälfte der Geschichten bleiben die gleichen, der Rest differenziert nach Route aber auch nach Geschmack und Eignung der Führer“, sagt Conrad. Die meisten Standorte sind innerhalb der Innenstadt, „da ist ja alles nur etwa 100 Meter Luftlinie auseinander“. Die Erzählungen spielen um Domberg und kleine Gassen der Bergstadt. Altes Rathaus, Ecke Schimmelsgasse, Judengasse, Obere Pfarre, St. Stefan, Domberg, Katzenbuckel – diese Orte sind fast immer dabei.

Story-Entertainment zum Gruseln

Und alle Geschichten bringen einen leichten Horror-Touch, eine Gruselfahrt wie eine Geisterbahn sollte man bei der Geisterführung aber nicht erwarten. Es ist ein Story-Entertainment durch gruselige Geschichten, eine interaktive Show findet nicht statt. Niemand muss also um die nächste Ecke einer Gasse lugen, ob von dort ein Maskierter vor die Gruppe springt. Das wird nicht passieren. „Unsere Sagen wurden schon früher am Kaminfeuer oder abendlichen Kerzenschein erzählt. Manche wurden von umherziehenden Handwerkern mitgebracht“, sagt Conrad. Die Geschichten seien sind mit den Menschen gewandert.

So auch die Geschichte des Teufels als Dombaumeister in Bamberg – die findet man überall in Deutschland. Hintergrund: der eine Domturm wurde vom alten Baumeister erstellt, der andere von seinem Nachfolger. Der war ein Jungspunt mit großem Ego und kleinen Fähigkeiten. Also hat er einen Pakt mit Teufel geschlossen, um das Bauwerk zu beenden. Als der Teufel kam, um seinen Preis einzufordern, stürzte er den Baumeister vom Turm. „Geschichten werden seit hunderten von Jahren in Bamberg erzählt. Die Gruseligsten haben wir in einer kleinen Route zusammengestellt.“

Amelie Schorb

Amelie Schorb

ALLE TOUREN

IN EINER APP

Ein ganz besonderer Reiseführer: digital, mobil und interaktiv. Jetzt App installieren und Bamberg erkunden!

Playstore Icon
appstore Icon